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Schein und Sein

Wie alles in dieser Welt hat auch unser Leben zwei Seiten. Eine Innen- und eine Außenseite. Die Außenseite ist das Bild, das wir unserer Umwelt von uns vermitteln. In erster Linie tun wir das über unseren Körper und unsere Persönlichkeit. Aber auch die Dinge drum herum, wie wir uns kleiden, wie wir wohnen, welchen Beruf wir ausüben, mit welchen Menschen wir uns umgeben und welches Auto wir fahren sind Teil des Images, das wir nach außen projizieren. Über unser Image wird unsere Position innerhalb der Gesellschaft definiert. Wir bekommen einen Status, der hoch, niedrig oder durchschnittlich sein kann. Neben der Außenseite gibt es noch die Innenseite, unser Sein. Das Sein ist unsere geistige Substanz, das Seelische, die inneren Werte. In der Regel können andere unser Innenleben nicht sehen. Unsere Gedanken und Gefühle sind eine höchst private Angelegenheit. Wir können sie für uns behalten oder mit anderen über Worte teilen, aber unmittelbar erfahren kann sie nur das Subjekt.

Das innere Sein und der äußere Schein sind praktisch nie deckungsgleich. Worte und Gesten sind inadäquate Mittel um die Vielfalt des Seins auszudrücken. Dazu kommt noch, dass wir unser Sein ja gar nicht nach außen stülpen wollen. Wir tendieren dazu, nach außen ein anderes Bild zu vermitteln, als wir uns selbst erfahren. Meistens stellen wir uns besser dar, als wir wirklich sind. Daraus ergibt sich eine Diskrepanz. Jemand kann nach außen hin einen sehr großen Schein haben, er kann berühmt und reich sein, viele Follower und Fans haben. Gleichzeitig kann er sich innerlich leer fühlen und oft sogar an Depressionen leiden. In diesem Beispiel haben wir einen großen, stark ausgeprägten Schein, jedoch wenig Sein. Das komplementäre Extrem wäre jemand, der nach außen unscheinbar wirkt, jedoch ein erfülltes Innenleben hat. Der spirituelle Mensch kümmert sich vorrangig um sein Sein. Er liest gute Bücher, meditiert, erforscht sich und seine Beziehungen, hinterfragt die Welt, in der er lebt, richtet sich auf das Positive aus und sucht nach dem Glück, das von innen kommt. Er pflegt sein Seelenleben und legt meistens weniger Wert auf den Schein. Er ist zufrieden mit dem Sein, das er hat.

Für die Außenstehenden ist das nicht so klar sichtbar. Jemand, der viel Sein hat, führt oft ein eher unscheinbares, zurückgezogenes Leben. Er sucht nicht die große Bühne, weil ihm das nicht besonders viel gibt, im Gegensatz zum Menschen, der vom Schein lebt. Er braucht die Bühne, er braucht Instagram, Facebook, YouTube oder den Stammtisch, um sich darstellen zu können. Jeder Mensch verfügt über ein gewisses Maß an Lebenszeit und Lebensenergie. Jeder ist frei zu entscheiden, wie er diese Ressourcen investiert. In den Schein oder doch mehr in das Sein. Jemand, der Karriere machen, Reichtümer anhäufen, nach außen als schön, gesund und glücklich erscheinen will, wird seine Zeit und Energie aufwenden um diesen Schein aufzubauen. Er sucht die Erfüllung in noch mehr Geld, in einer größeren Villa, in einem attraktiveren Partner, in einem angeseheneren Beruf, in noch mehr Likes auf Facebook und noch mehr Klicks auf YouTube. Jemand, der viel in seinen Schein investiert, ist nach weltlichen Maßstäben meist erfolgreich. Von außen sieht das toll aus und viele wollen es ihm nachmachen, weil sie denken, dass ein Mensch mit so einem beeindruckenden Schein auch ein erfülltes und glückliches Sein haben müsste. Wenn er jedoch seine gesamte Energie und Zeit in sein Image investiert, bleibt dann überhaupt noch etwas für sein Innenleben übrig? Die Erfahrung zeigt, dass es hinter der glänzenden Fassade oft nicht so rosig aussieht. Je mehr Energie ins Außen fließt, desto weniger bleibt fürs Innen übrig.

Der spirituelle Mensch weiß das und investiert seine Ressourcen lieber in sein Innenleben. Anstatt materielle Schätze anzuhäufen, sammelt er Schätze in seiner Seele. Er wird sich mit der Frage beschäftigen, was wirklich glücklich macht. Er wird gute Bücher lesen, sich über den Sinn des Lebens Gedanken machen und wertvolle Freundschaften pflegen. Er wird entdecken, dass die Quelle des Glücks und der Zufriedenheit im eigenen Inneren liegt und dass er zum Glücklichsein gar nicht so viel Geld braucht. Die innere Quelle ist kostenlos und jederzeit verfügbar. Spiritualität hilft ihm dabei, sie zu erschließen. Er gewinnt dadurch Freiheit und Unabhängigkeit, denn alles, was er braucht steht ihm in Fülle zur Verfügung. Ein Mensch, der von seinem Schein lebt, benötigt immer die Bestätigung von anderen. Er ist ein Sklave seiner Umwelt und seines Besitzes.

Jetzt könnte man sagen: Es bleibt jedem selbst überlassen, wie er sein Leben anlegt, ob er mehr für den Schein oder für das Sein lebt. Grundsätzlich kann jeder tun, was er will, aber er muss auch die Konsequenzen für seine Entscheidungen tragen. Kein Leben dauert ewig und es kommt der Tag, an dem man diese Welt verlassen wird und dann stellt sich die Frage: Was kann man mitnehmen und was bleibt zurück? Wer für den Schein gelebt hat, also für Geld, für Ruhm und Ehre, eine Villa am See, ein dickes Auto, ein sattes Aktienportfolio, sieht sich mit dem Problem konfrontiert, dass er all das zurücklassen muss. Nichts davon kann er mitnehmen. Wenn er wenig Sein hat, also sich kaum um sein Innenleben gekümmert hat und daher in einem Gefühl der inneren Leere lebt, was bleibt dann noch übrig? Es wird ihm auch das noch genommen, was er glaubte gehabt zu haben. Unterm Strich bleibt wenig bis gar nichts übrig. Das ist traurig.

Im Gegensatz dazu kann der spirituelle Mensch, der fürs Sein gelebt und innere Reichtümer angehäuft hat, alles mitnehmen. Seine bescheidenen Habseligkeiten wird er ohne große Schmerzen zurücklassen können, denn das Wichtigste kann ihm nichts und niemand nehmen. Am Ende des irdischen Lebens scheiden sich die Geister in diejenigen, die für den Schein und die diejenigen, die für das Sein gelebt haben. Und so stellt sich das Bild auf den Kopf: Die, die auf der Welt viel hatten, werden auf der anderen Seite wenig haben und die auf der Welt wenig hatten und sich stattdessen um seelische Reichtümer kümmerten, werden viel haben. Die Ersten werden die Letzten und die Letzten werden die Ersten sein.

Ich will damit nicht sagen, dass man sich gar nicht um den Schein kümmern sollte. Es ist gut, sich um ein schönes, ansprechendes, stimmiges Außenbild zu bemühen, aber es soll nicht zum Selbstzweck werden. Das Wichtigste ist, nie das Sein aus dem Auge zu verlieren. Das Sein ist ewig und überdauert den Tod. Der Schein ist vergänglich und vergeht mit dem Tod. Weise handelt, wer mit zunehmendem Alter den Schwerpunkt immer mehr vom Schein hin zum Sein verlagert. Ein junger Mensch hat noch viel vor sich. Sein Reservoir an Zeit und Energie ist scheinbar unerschöpflich. Für ihn ist es in Ordnung, wenn er nach Erfolg und finanziellem Reichtum strebt, damit er sich all das kaufen kann, von dem er denkt, dass es ihn glücklich machen würde. Ein junger Mensch sucht naturgemäß sein Glück in irdischen Zielen. Im Alter sollte die Bedeutung dieser Dinge jedoch abnehmen und man tut gut daran, sich in den letzten Lebensjahrzehnten vorrangig um sein Seelenheil zu kümmern. Denn das Sein ist das Einzige, was einem erhalten bleiben wird.

Deswegen kann ich euch nur dazu ermutigen, euch bei Zeiten um euer Innenleben zu kümmern. Strebt nach geistiger Entwicklung und Erkenntnis. Und ganz besonders: Sucht den Weg zur Liebe und lernt, in und aus der Liebe zu leben. Liebe ist zeitlos, Liebe ist ewig, Liebe überdauert den Tod.

GlückScheinSeinTod

Siegfried Trebuch

Siegfried Trebuch gehört keiner Religion oder spirituellen Tradition an. Nach einem einschneidenden inneren Erlebnis veränderte sich sein Leben grundlegend. Er entdeckte eine Kraft in sich, die ihm dabei half, Frieden und Erfüllung zu finden. Seine Erkenntnis: Jeder Mensch trägt dieses schlummernde Potential positiver Energie in sich. Wer lernt, diese Kraftquelle zu erschließen, wird in der Lage sein, dauerhaft ein Leben in Glück und Freiheit zu führen.

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Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Lieber Siegfried, ich finde es sehr ansprechend, wie Du auf diese Themen „Schein und Sein“ eingehst.

    Auch Bruno Gröning sprach sehr oft davon und so sagte er: „Gott rechnet anders“ . . .

    Vielen Dank wieder einmal Euch und der Geistigen Welt!

    Einen schönen Sonntag und ganz liebe Grüße,
    Elfriede

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