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Jenseits der Wellness-Esoterik

Wir leben heute geistesgeschichtlich betrachtet in einer äußerst widersprüchlichen Epoche. Einerseits denken wir, mit Hilfe von Wissenschaft und Technologie unser Leben, die Gesellschaft und die Natur kontrollieren zu können. Gleichzeitig stellen wir fest, dass uns die Kontrolle immer mehr entgleitet. Wissenschaft und Technologie waren noch nie so weit fortgeschritten, dennoch scheinen wir unaufhaltsam ins Chaos zu schlittern. Irgendetwas scheint mit dem modernen Weltbild grundlegend nicht zu stimmen. Um unsere heutige Situation verstehen zu können, müssen wir einen kleinen Ausflug in die europäische Geistesgeschichte unternehmen.

Im Mittelalter waren die Menschen stark auf das Jenseits ausgerichtet. Die Existenz einer geistigen Welt stand für sie außer Frage. Das irdische Leben diente nur als Vorbereitung auf das Leben danach. Jeder wollte in den Himmel kommen und alle hatten Angst vor der Hölle. Das Weltbild wurde dogmatisch von der Kirche bestimmt. Freies Denken war kaum möglich, da es keine Bücher gab und die Menschen kaum Zugang zu Informationen hatten. Sie waren abhängig davon, was ihnen die Kirche erzählte. Diese hatte de facto ein Informationsmonopol. Es gab noch keine Naturwissenschaften und das Bildungsniveau war sehr niedrig. Dementsprechend weit verbreitet war Aberglaube in der Bevölkerung.

Das begann sich in der Renaissance grundlegend zu ändern. Die Naturwissenschaften kamen auf und stellten die kirchlichen Dogmen in Frage. Viele davon, wie zum Beispiel die Annahme, die Erde sei der Mittelpunkt des Universums und die Sonne kreise um die Erde, wurden durch wissenschaftlich unwiderlegbare Beweise als Unsinn entlarvt. Die Wissenschaftler hörten nicht mehr so sehr auf die Kirche, sondern machten sich selbst auf die Suche nach der Wahrheit.

Durch den Aufschwung der Wissenschaften und Künste rückte der Mensch wieder in den Mittelpunkt. Anstatt blind auf die Kirche und Gott zu vertrauen, begann er, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Im Humanismus wurde ein Gesellschafts- und insbesondere Bildungsideal entworfen, dessen Verwirklichung jedem Menschen die bestmögliche Persönlichkeitsentfaltung ermöglichen sollte. Der Blick richtete sich weg vom Jenseits hin auf das Diesseits. Diese Entwicklung verstärkte sich in den folgenden Jahrhunderten. Der Mensch gewann an Selbstbewusstsein. Das alte, von oben her bestimmte religiöse Denken verlor an Bedeutung.

Um das Jahr 1700 begann das Zeitalter der Aufklärung. An Stelle des Glaubens trat das rationale Denken. Die Vernunft wurde zur universellen Urteilsinstanz, mit der man sich von althergebrachten, starren und überholten Vorstellungen und Ideologien befreien wollte. In der Säkularisierung verlor die Kirche an Macht welche vermehrt auf den Staat überging. Über mehrere Jahrhunderte hinweg wurde das geistig inspirierte Weltbild durch ein materielles Weltbild ersetzt. Es zählte nur mehr das konkrete Hier und Jetzt. Alles wurde nach seinem nutzbaren Zweck bemessen. Das Geistige und Religiöse wurde zunehmend als Hirngespinst abgetan.

Während der industriellen Revolution führte der rasante Fortschritt der Naturwissenschaften zu neuen technologischen Entwicklungen wie zum Beispiel der Dampfmaschine. Der Mensch wurde mobil und konnte sich mit Hilfe von Maschinen endlich die Natur untertan machen. Die industrielle Revolution verstärkte das Gefühl, alles sei mit Hilfe von Wissenschaft und Technik machbar. Einen Gott oder eine Religion bräuchte man nicht mehr. Dieses Denken hat sich bis in die Gegenwart immer stärker durchgesetzt. Es bildet die Grundlage der modernen Gesellschaften in denen wir heute leben.

Doch viele Menschen spüren, dass hier etwas Wesentliches fehlt. Das Leben lässt sich nicht nur auf das Materielle und die Vernunft reduzieren. Sie spüren: „Da muss es noch mehr geben.“ Dieses Grundgefühl konnten Jahrhunderte von Humanismus, Aufklärung, industrieller und technologischer Revolution nicht auslöschen. Es ist Teil des menschlichen Wesens und wird es immer bleiben. Aber die Kirchen konnten dieses spirituelle Grundbedürfnis nicht mehr erfüllen. Die Menschen hatten den Glauben an die Kirchen verloren, weil sie erkannten, dass die Institutionen hauptsächlich ihre eigenen Machtinteressen verfolgten und sich kaum um das spirituelle Wohl der Gläubigen kümmerten.

Diejenigen, die der Kirche den Rücken zugewandt hatten, mussten nach anderen Quellen zur Befriedigung ihres spirituellen Durstes suchen. So kam es seit dem 18. Jahrhundert zum Aufschwung der westlichen Esoterik. Geheimgesellschaften entstanden, in denen man sich mit alten esoterischen Schriften wie dem Corpus Hermeticum oder der Tabula Smaragdina beschäftigte. Über lange Zeit blieb dieses Wissen auf Geheimgesellschaften beschränkt, doch im 20. Jahrhundert änderte sich das radikal.

In den 1960er-Jahren kam es zu einer gesellschaftlichen Revolution. Durch die New-Age-Bewegung gelangte esoterisches Wissen in den Mainstream. Seither explodierte der esoterische Büchermarkt regelrecht. Ab den 90er-Jahren kam noch die Verbreitung über das Internet dazu. Was zuvor noch „Geheimwissen“ einiger weniger war, ist heute für jedermann verfügbar.

Wir befinden uns aktuell in einer paradoxen Situation. Einerseits gründet unser Gesellschaftssystem auf dem Materialismus, andererseits gibt es ein großes Interesse an esoterischen Themen. Aus dieser Kollision der Weltanschauungen entstand die Wellness-Esoterik. Man kann sich heute Spiritualität in Form von Kristallen, Blumen des Lebens, Essenzen, Amuletten, Engelkarten, usw. kaufen. Ziel dieser käuflichen Wellness-Esoterik ist es, sich eine Wohlfühlatmosphäre zu schaffen und möglichst gesund und glücklich zu sein. Sie entstand auf dem Boden des Materialismus, also in einer Gedankenwelt, die alles Geistige ablehnt und in der nur das Diesseits zählt. Sie ist sozusagen eine materialisierte Form von Geistigem. Ein größerer Widerspruch ist kaum denkbar. Die Botschaft wahrer Spiritualität ist aber genau das Gegenteil: Sie weiß um die Existenz einer geistigen Welt und sieht das menschliche Leben als Vorbereitung darauf. Das wird in der populären Esoterik oft nicht gesehen oder bewusst ignoriert. Deswegen konnte so etwas Verqueres wie eine Wellness-Esoterik entstehen.

So sehen wir heute Buddhafiguren in Saunaanlagen, Steine in Trinkwasserkrügen und Traumfänger in Schlafzimmern. Esoterik hat für viele nur den Zweck, die Lebensqualität zu steigern. Irdisches Wohlergehen ist, was zählt. Was nach diesem Menschenleben kommt, wird jedoch weitestgehend ignoriert. Hier verliert die Esoterik jeglichen Sinn. Sie verkommt zu einem Werkzeug für eigennützige Zwecke. Wellness-Esoterik ist geistig tot. Der Mensch redet sich ein, er wäre spirituell, bleibt jedoch tief im Materiellen verhaftet. Viele fallen auf diese Lüge des Ego herein und sind sich dessen oft gar nicht bewusst. Sie treiben auf der Oberfläche und verfehlen das eigentliche Ziel, nämlich spirituelle Entwicklung.

Die Täuschungen der Wellness-Esoterik beantworten nicht die grundlegenden Fragen: „Was ist der Sinn des Lebens? Gibt es ein Leben nach dem physischen Tod und wie sieht es aus? Wie kann ich mich auf ein Leben in der geistigen Welt bestmöglich vorbereiten?“ Darauf kann nur echte Spiritualität Antworten geben. In oberflächlicher Esoterik finden wir sie nicht. Die Aufklärung war insofern eine gute Sache, als wir den mittelalterlichen Aberglauben hinter uns gelassen haben. Allerdings wurde damit auch leider das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Das Wissen um die Existenz einer geistigen Welt ging verloren.

Wie lassen sich die scheinbaren Widersprüche auflösen? Im Mittelalter lautete die These „Das Jenseits ist alles, das Diesseits ist nichts“. Darauf kam die Antithese der Aufklärung: „Das Diesseits ist alles, es gibt kein Jenseits“. Der moderne spirituelle Mensch steht jetzt vor der großen Herausforderung, die Synthese aus beiden Sichtweisen zu bilden. Er weiß, dass die materielle Welt nicht alles ist. Gleichzeitig gilt es zu vermeiden, wieder in einen mittelalterlichen Aberglauben zu verfallen. Die Gefahr dafür besteht, wie in manchen esoterischen Kreisen zu beobachten ist. Stattdessen sollten die nützlichen Erkenntnisse der Wissenschaft in logische Harmonie mit spirituellen Wahrheiten gebracht werden.

Der gesellschaftliche Konflikt zwischen Materialismus und Spiritualität ist auch ein Konflikt, der im Inneren jedes Einzelnen von uns ausgetragen wird. Wir sollten jedoch nicht warten, bis die Synthese in der Gesellschaft passiert und wir sie dann nur noch übernehmen müssten. Das kann noch lange dauern. Stattdessen sollten wir uns von äußeren Gegebenheiten nicht beirren lassen und die Synthese aus wissenschaftlicher und spiritueller Erkenntnis in unserem persönlichen Weltbild anstreben. Der innere Konflikt muss gelöst werden, damit er nicht zum Hindernis für unseren seelischen Fortschritt wird. Erst wenn wir Vernunft und Intuition in Einklang bringen, wird der Weg in die Vollendung der Seele frei.

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Siegfried Trebuch

Siegfried Trebuch gehört keiner Religion oder spirituellen Tradition an. Nach einem einschneidenden inneren Erlebnis veränderte sich sein Leben grundlegend. Er entdeckte eine Kraft in sich, die ihm dabei half, Frieden und Erfüllung zu finden. Seine Erkenntnis: Jeder Mensch trägt dieses schlummernde Potential positiver Energie in sich. Wer lernt, diese Kraftquelle zu erschließen, wird in der Lage sein, dauerhaft ein Leben in Glück und Freiheit zu führen.

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Dieser Beitrag hat einen Kommentar
  1. Wie jedes Mal super/b! Mit diesem und Ihren anderen Beiträgen schenken Sie uns eine Orientierung was es alles bei, unter diversen Kriterien gibt und damit eine Möglichkeit zur Unterscheidung und bewussten, selbst bestimmten Auswahl, vielen, vielen Dank für all/e Ihre wahren und sehr hilfreichen Aufklärungen!

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