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Die Welt kann Ihnen nicht sagen, wer Sie sind

Eine der grundlegendsten Fragen, der wir uns früher oder später alle stellen müssen, ist die nach unserer wahren Identität. Wer sind wir? Für gewöhnlich beantworten wir diese Frage sehr schnell und scheinbar klar. Wir sagen: “Ich bin Ingenieur”, “Ich bin Lehrerin”, “Ich bin Mutter”, “Ich bin Deutscher”, usw. Wir definieren uns über unsere Rolle in der Gesellschaft. So glauben wir, das zu sein, was wir nach außen hin repräsentieren, aber wenn wir uns diese Rollen genauer ansehen, stellen wir bald fest, dass sie sich im Laufe der Zeit wandeln. Sie sind nicht so stabil, wie sie zu sein scheinen. Wenn wir den Beruf wechseln, wechseln wir damit auch unsere gesellschaftliche Identität. Wenn wir Kinder bekommen, übernehmen wir innerhalb von ein paar Monaten die Rolle einer Mutter oder eines Vaters. Manche Rollen wechseln häufig, andere eher selten. Es gibt Menschen, die sich einer Geschlechtsumwandlung unterziehen und von einer Frau zum Mann werden oder umgekehrt. Keine Rolle ist in Stein gemeißelt.

Trotzdem wird jeder von uns von der Gesellschaft in vordefinierte Schubladen eingeordnet. Damit werden dann ganz konkrete Erwartungshaltungen an das Individuum herangetragen. In der Regel identifizieren wir uns mit der Zeit immer mehr mit unserer gesellschaftlichen Rolle. Wir denken, sprechen und handeln in Rollenmustern. Damit die Gemeinschaft funktionieren kann, braucht diese klar definierte Rollen, die von den Individuen erfüllt werden. Der Einzelne wird zu einem Zahnrad in einer großen Maschine. Solange wir glücklich an unserem Platz sind, ist auch alles in Ordnung. Sobald wir jedoch anfangen, uns unwohl in unserer Schublade zu fühlen und sie verlassen wollen, oder einfach aus ihr herausgeworfen werden, entsteht Handlungsbedarf. Verlieren wir unseren Arbeitsplatz, an den wir uns seit Jahren gewohnt hatten, dann fallen wir aus unserer angestammten Rolle. Wir sind jetzt gefordert, uns neu zu definieren und uns mit Fragen zu beschäftigen wie: “Was würde ich jetzt gerne tun? Was ist meine Aufgabe in diesem Leben?” Hier ist ein Punkt erreicht, an dem uns die Außenwelt nicht weiterhelfen kann. Letztlich müssen wir selber herausfinden, welche Wünsche und Sehnsüchte wir in uns hegen.

Aus unser Komfortzone herausgetrieben zu werden ist im ersten Moment nicht sehr angenehm. Wir fühlen uns unsicher, weil wir neues Terrain betreten müssen. Der große Vorteil ist jedoch, dass wir uns in solchen Lebensphasen selber besser kennenlernen. Letztendlich kann Ihnen die Welt nicht sagen, wer Sie sind. Sie kann Ihnen nur sagen, was Sie zu tun haben, um Ihre Rolle zu erfüllen. Sie kann Ihnen aber nicht sagen, was Ihre individuellen Wünsche und Sehnsüchte sind und wie genau Sie Erfüllung und Glück erlangen. Niemand kann Ihnen das sagen. Es liegt ganz bei Ihnen, sich immer wieder Zeit zu nehmen, um sich selbst besser kennenzulernen.

Die Herausforderung besteht darin, eine Balance zu finden zwischen unserer gesellschaftlichen Verantwortung und unseren ganz individuellen Bedürfnissen. Wenn wir uns nur über unsere Rollen definieren, nur den Erwartungen anderer entsprechen wollen, dann besteht die Gefahr, uns selbst zu verlieren. Unzufriedenheit und Orientierungslosigkeit sind die Folge. Ich empfehle Ihnen, eine gewisse innere Distanz zu Ihren sozialen Rollen einzunehmen. Verwechseln Sie nicht die Jacke, in die Sie gezwängt werden, mit Ihrem Körper. Sehen Sie sich wie einen Schauspieler auf der Bühne, der für ein Stück lang eine bestimmte Rolle einnimmt und aus ihr wieder heraus schlüpft, sobald es vorüber ist. Sie sind nicht Ihr Beruf, Sie sind nicht Ihre Religion, Sie sind nicht Ihre Partei, Sie sind nicht Ihr Alter, ja, Sie sind nicht einmal Ihr Körper. All das unterliegt ständigem Wandel. Machen Sie sich auf die Suche nach dem, was immer da war und immer da sein wird. Was ist es, das über all die Jahre Ihres Lebens, trotz aller Veränderungen gleich geblieben ist? Es ist das Bewusstsein, Sie selbst zu sein. Als Kind haben Sie die Welt mit ganz anderen Augen gesehen als heute. Sie hatten einen jüngeren Körper, eine andere Gefühlswelt, lebten in einer anderen Umgebung. Trotzdem war es Ihr Bewusstsein, das all diese Erfahrungen gemacht hat. Seither hat sich praktisch alles verändert, aber es sind noch immer Sie, der diese menschliche Erfahrung macht. Das ist die einzig wahre Konstante in Ihrem Leben. Darauf können Sie bauen, nicht auf das, was Sie materiell besitzen oder in der Gesellschaft darstellen.

Die Antwort auf die Frage, wer Sie wirklich sind, ist letztlich nicht im Außen zu finden. Sie liegt tief in Ihrem Inneren verborgen. Wenn Sie weise leben wollen, sollten Sie sich immer wieder Zeit nehmen, um sich auf die Suche nach Ihrem wahren Selbst zu begeben. Fragen Sie sich, was Sie wirklich wollen. Schreiben Sie es auf und folgen Sie dieser Stimme. Nur wenn Sie sich selbst leben, können Sie Glück und Erfüllung finden. Erwarten Sie nicht, dass das jemand anderes für Sie tut. Die Welt kann Ihnen nicht sagen, wer Sie sind.

GesellschaftIdentitätIndividuumKörper

Siegfried Trebuch

Siegfried Trebuch gehört keiner Religion oder spirituellen Tradition an. Nach einem einschneidenden inneren Erlebnis veränderte sich sein Leben grundlegend. Er entdeckte eine Kraft in sich, die ihm dabei half, Frieden und Erfüllung zu finden. Seine Erkenntnis: Jeder Mensch trägt dieses schlummernde Potential positiver Energie in sich. Wer lernt, diese Kraftquelle zu erschließen, wird in der Lage sein, dauerhaft ein Leben in Glück und Freiheit zu führen.

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